Martin Graff

Eine grenzüberschreitende Buchmesse, welch großartige Idee, gerade jetzt! – Denn: In Wirklichkeit gab es in der Welt  noch nie soviel neue Grenzen. Regis Debray und Michel Melot widmen im hochkarätigen Magazin Medium 500 Seiten den „Grenzen“. „Du biblique au numérique, il est bon de rappeler que la Genèse fait de la création du monde une séquence de séparations primordiales et de démarcations entre les éléments.“ Wir haben uns nicht abgesprochen.

Regis Debray veröffentlichte 2011 das Buch Eloge des frontières. Darin heißt es:„Le mur interdit le passage, la frontière le régule“. Man kann kaum widersprechen, aber auch Debray packt die Grenze am falschen Ort an: an der Frage der Territorien und nur dort. Wir brauchen Umberto Eco, um weiterzukommen, auch zwischen Frankreich und Deutschland, dem Saarland und Lothringen, der Pfalz und dem Elsass und zwischen Baden und dem Elsass.

In Schüsse mit Empfangsbescheinigung schreibt der italienische Sprachakrobat: „Erasmus würde sich nicht nur intellektuell, sondern auch sexuell oder, wenn man so will, genetisch auszahlen. Ich habe viele Studierende kennengelernt, die nach einer gewissen Zeit im Ausland dort geheiratet haben. Wenn dieser Trend sich verstärkt und immer mehr zweisprachige Kinder geboren werden, können wir in dreißig Jahren eine europäische Führungsschicht haben, deren Mitglieder in der Regel mindestens zweisprachig sind. Das wäre nicht wenig.“

Genauso ist es: „La langue est la clé de la culture“, sagt Frédéric Mistral, Literaturnobelpreisträger aus der Provence (1904). Erst wenn die Sprachgrenze überwunden wird, ist der Friede gesichert Dann  werden auch die  wirtschaftlichen Grenzen effektiv behoben. Das heißt natürlich nicht, dass nur eine Sprache (englisch) alle andere dominieren soll.

Im Gegenteil: „Wir müssen lernen, gegen die „mörderischen Identitäten“ zu kämpfen und mit „verschiedenen Zugehörigkeiten zu leben“, wie der Franko-Libanese Amin Maalouf schreibt. Der Donaupoet Claudio Magris formuliert es so: „Wir müssen lernen mit der Mentalität verschiedener Völker zu denken.“ – Und wir verstehen mit Herta Müller: „In jeder Sprache sitzen andere Augen!“ Nur Sprachakrobaten sind echte Grenzgänger.

 

Thomas Mann wechselt die Sprache im Zauberberg, im Kapitel Walpurgisnacht, als Hans Castrop sich mit Clawdia Chauchat unterhält.

Genauso spielt er mit den Sprachen in Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Madame Houplé, alias Diane Philibert, aus Straßburg, hat ein Verhältnis mit dem Liftjungen Armand (der Hochstapler) in einem Pariser Hotel.

„Ab und hinweg, dass ich dich sehe, dass ich den Gott erblicke! Hilf rasch! Comment, à ce propos, quand l’heure nous appelle, n’êtes-vous pas encore prêt pour la chapelle? Déshabillez-vous vite! Je compte les instants! La parure de noce! So nenn’ ich deine Götterglieder, die anzuschauen mich durstet, seit ich zuerst dich sah. Zu mir, zu mir …“

„Nenne mich du!“, stöhnte sie plötzlich nahe dem Gipfel. „Duze mich derb zu meiner Erniedrigung! J’adore d’être humiliée! Je t’adore! Oh je t’adore, petit esclave stupide qui me déshonore …“

Ein kleiner nackter Lifttreiber liegt bei mir und nennt mich ‘liebes Kind’, mich, Diane Philibert! C’est exquis … ça me transporte! Armand chéri, ich wollte dich nicht kränken.“

Auch Albert Schweitzer spielt mit den Sprachen: In den Briefen an seine zukünftige Frau Hélène Bresslau springt Albert Schweitzer vom Französischen ins Deutsche und umgekehrt.

Strasbourg, mardi soir, 9 novembre 1909.

„ Ce sont des journées très agitées … Demain, ce sera mon tour de pratiquer à la Augenklinik. Il faut que je lise encore beaucoup ce soir pour de nouveau m’orienter. L’orgue du Sängerhaus avance. Mais il me cause encore des ennuis. Rapp hat ein falsches Maß für das Verhältnis von Pedal und Spieltisch angegeben. Ich muss den Fehler corrigieren so gut es geht. Er ist ein Strudelkopf. Quelle est la musique que je dois vous envoyer? Total vergessen! Weiß nur, dass es etwas von Schubert war.

Dimanche, c’était très beau; es war weihevoll wieder zu predigen und goldener Sonnenschein lag über der Welt und in meinem Herzen.

Je dois déjà penser à mon prochain sermon. Je vous baise la main, à vous – AS.“

Erst mit dem Sprachwechsel schaffen wir den wahren Gedankenschmuggel, der die Kopfgrenzen sprengen mag. 

 

Ich wünsche der ersten Französisch-Deutschen Buchmesse in Wissembourg einen großen Erfolg!

 

Martin Graff

 

Jean-Samuel Marx, geboren 1988, studierte nach seinem Abitur von 2006 bis 2011 Sprache, Literatur und Geschichte des deutschsprachigen Raums in Straßburg. Anschließend promovierte er in Zeitgeschichte in Heidelberg und Straßburg. Seit 2011 arbeitet er zudem als Lehrbeauftragter an der Universität Heidelberg.

Auszug aus dem Begleitbuch zur Buchmesse

Wenn man einen Blick auf die zahlreichen Differenzen und Konflikte zwischen Deutschland und Frankreich wirft, könnte man dazu neigen, ernüchtert festzustellen: Ja, die ehemals guten Freunde sind dabei, sich zu entfremden, und diese Entwicklung ist ebenso unvermeidlich wie unaufhaltsam. Diese Sicht ist jedoch zu pessimistisch. Freilich lässt sich nicht bestreiten, dass die bilateralen Differenzen und Konflikte zunehmen beziehungsweise offener zutage treten und ausgetragen werden, sodass die Gefahr einer schleichenden Entfremdung tatsächlich vorhanden ist. Es gibt aber gleichzeitig sehr wohl Mittel und Wege, um diese Entwicklung einzudämmen. Gefordert ist dabei nicht nur und vielleicht sogar nicht hauptsächlich die Politik. Genauso wie nach der langen „Erbfeindschaft“ persönliche Begegnungen die Grundlage für die Verankerung des Freundschaftsgedanken in den Köpfen und Herzen von Deutschen und Franzosen waren, muss die Zukunft ihrer Freundschaft durch persönliche Begegnungen gesichert und gestaltet werden. Gelingen wird dies jedoch nur, wenn beide Völker die Bereitschaft zu Kompromissen und Zugeständnissen sowie zur Beschäftigung mit dem jeweils anderen Land, seiner Kultur, seiner Sprache und seiner Menschen zeigen.

Extrait du livre accompagnant le salon du livre

De l’avis d’un nombre important de responsables politiques, d’observateurs et d’analystes, les relations franco-allemandes traversent une crise d’une ampleur et d’une profondeur inédites. Sur le plan politique, les sujets de conflits ne manquent pas. Qu’il s’agisse de la politique européenne étrangère et de sécurité commune, de la réponse à apporter à la crise économique et financière puis à la crise de l’euro, des débats sur l’avenir institutionnel et la finalité de l’UE ou encore de la politique énergétique: du fait de leur culture, de leur mentalité et de leur identité respectives, la France et l’Allemagne ont adopté des positions différentes. Si les deux pays, au cours des soixante dernières années, ont dû faire face à de nombreux différends, ces derniers se multiplient, tandis que la disposition à faire des compromis a tendance à baisser. Parallèlement à cela, les populations des deux pays s’intéressent de moins en moins au pays partenaire, à sa langue et à sa culture, alors même que de nombreuses possibilités existent pour renforcer la connaissance mutuelle et les rencontres personnelles. Pour enrayer la crise et éviter une distanciation croissante, il est indispensable que les dirigeants et la société civile apprennent à mieux se connaître et accepte de faire des compromis, fussent-ils douloureux. En même temps, il est essentiel de ne pas s’accrocher à une vision romantique des relations franco-allemandes, mais d’accepter que le contexte a changé et d’adopter une approche pragmatique.

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